Mit der Messe Dresden Vielfalt erleben:

Dresden (er)lesen – Literatur als Event für unsere Stadt

 
Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch eröffnete Mitte September erstmals die Literaturmesse “Dresden (er)lesen” im Schloss Albrechtsberg. Sie bestätigte damit die Bedeutung der Literatur in der Dresdner Kulturlandschaft und verwies in ihrer Rede auf Projekte rund ums Lesen und Schreiben sowie die Städtischen Bibliotheken, das Literaturfestival, den Buchsommer oder die Kästner-Rallye.
Nach fünf Jahren “schriftgut” im Messegelände war es die genau richtige Entscheidung, nun auf Schloss Albrechtsberg, welches zur Messe GmbH gehört, die evaluierte Literaturmesse “Dresden (er)lesen” durchzuführen. Gekoppelt wurde diese Veranstaltung sinnvollerweise mit dem Tag des offenen Denkmals. Organisiert wurde “Dresden (er)lesen” durch Verlegerin Katharina Salomo von Salomo-Publishing. 35 Ausstellende präsentierten Angebote aus den Sparten Lyrik, Kurzgeschichte, Kinderbuch, Krimi, Biografie, Roman, sie zeigten Bildbände, Wanderführer oder Fachliteratur und führen Lesungen und Diskussionen durch. Es war ein Event der Begegnung, der Vernetzung, der Kooperation auf dem Gebiet der Literatur.
Die Messe Dresden selbst ist mehr als ein Ort von Produktpräsentationen, sie ist auch ein Ort der Kultur ein Wirtschaftsfaktor. Ihre Logistik macht es möglich, große Events in Dresden zu organisieren und damit den Blick der Öffentlichkeit auf unsere Stadt zu lenken – und auch zu prägen. Wenn Geschäftsführer Ulrich Finger die Veranstaltung der Literaturmesse unterstützt, macht er genau dies – und zwar mit sehr viel Engagement und Feingefühl: Dresden als Stadt der Literatur, der Kultur zu präsentieren.

Dresden hadert zur Zeit mächtig mit seinem Ruf als Kulturstadt. Die starken Bestrebungen des größten Teils der Stadtgesellschaft, in Politik, Kultur und Wirtschaft werden immer wieder konterkariert durch Aktionen der Kulturlosigkeit. Konfuzius sagte einst: “Es ist besser, ein Licht zu entzünden, als auf die Dunkelheit zu schimpfen.” Wir brauchen diese Lichter, dringend und vielfach. Daher: Danke, Katharina Salomo; Danke, Ulrich Finger; Danke allen Beteiligten!


8. März 

Internationaler Frauentag: Spart Euch Eure Blumen!

von Cornelia Eichner

Ich sage vorweg: Alleinerziehende Väter kommen in diesem Text zu kurz. Alleinerziehende Väter haben ebenso wie alleinerziehende Mütter Problemlagen, die sie an den Rand ihrer Kräfte führen. Hier und jetzt möchte ich jedoch für alleinerziehende Mütter sprechen, da Schwerpunkt dieser Ausgabe der Frauentag ist (und die Benachteiligung von Frauen auf jene, die alleinerziehend sind, mindestens genauso zutreffen) – und ja, auch, weil die Anzahl der Väter unter den Alleinerziehenden nachwievor geringer ist. “Inzwischen leben mehr als 1,6 Millionen Einelternfamilien in Deutschland. Davon sind etwa 90 Prozent der Alleinerziehenden Mütter und nur etwa 10 Prozent der Alleinerziehenden Väter.” (Deutscher Bundestag, Drucksache 18/6651)

Am Tag, an dem die Idee für diesen Artikel entstand, war ich mit vier alleinerziehenden Frauen im Gespräch: Der einen hatte man gerade das Konto gepfändet, der anderen den Strom abgestellt, die dritte wusste nicht, wie sie die Fahrt zu ihrem Arzttermin in die Nachbarstadt mit ihrem Kind organisieren und finanzieren sollte, die vierte rätselte, wie sie den Schulanfang ihres jüngsten Kindes stemmen kann. Alle vier waren ratlos und verzweifelt – und gingen doch gleich darauf wieder zur Tagesordnung über: Kinder und Haushalt versorgen sowie durch ihre Berufstätigkeit die Familie finanzieren. Alleinerziehende sind fast ständig im Einsatz. Dadurch werden sie signifikant häufiger krank (rki, 2003) Hier zeigt sich die Komplexität der Problemlagen Alleinerziehender: Immer sind Finanzen ein großes Thema, immer sind die Problemlagen multidimensional, immer sind komplexe Geschichten und Familienzusammenhänge involviert. Einfaches Problem-Lösungsverhalten funktioniert nicht.

Sicher, allein erziehend sein hat kräftige Vorteile, theoretisch: Man ist als Elternteil frei in seinen Entscheidungen und braucht nicht ewig über Erziehungsansichten zu diskutieren. Man wählt selbst aus, in welche Schule das Kind geht und wo man den gemeinsamen Urlaub verbringt, abends hat man die alleinige Macht über die Fernbedienung und braucht sich nicht mehr mit den Bedarfen des Partners/der Partnerin beschäftigen. Ganz entscheidend auch: Man hat den (fast vollen) Überblick über das Familien-Geld, die Kontrolle darüber, wofür wieviel ausgegeben wird – auch, weil es immer zu wenig ist. Aber dazu ist man/frau eben auch “verdammt”. Wesentlich ist, dass man allein ist mit allen großen und kleinen Sorgen – vor allem auch mit den Ängsten. Sicher, es gibt Beratungsstellen für jedeN und alles. Sicher haben die meisten Alleinerziehenden (zumindest am Anfang und auch in späten Tagen ihrer Elternschaft) Freunde und Freundinnen, die ihnen beistehen, manchmal auch neue Partner*innen. Doch diese sind in tausenden Momenten des Alltags nicht da – wenn kurz vor dem Wochenende das Geld alle ist, wenn das Kind morgens in die Schule gebracht werden muss oder nicht nach Hause kommt, wenn es einen Unfall im Kindergarten hat, man selbst aber arbeiten muss, um den kleinen Job nicht zu verlieren. Manchmal sagt dazu die/der (verheiratete) Kolleg*in: Ja, ja, das kenne ich auch. Mag sein, dass die eine oder andere dies kennt, wenn der/die Partner*in beruflich stark eingespannt oder viel unterwegs ist. Nicht selten nimmt sie dann aber auch ihr iPhone und klingelt schnell mal durch, ob er noch ein Brot nach der Arbeit mitbringen kann, weil sie es nicht schafft oder kein Geld mehr einstecken hat. – Hier sind Dauerhaftigkeit und Kontinuität von Aufgaben und Belastungen erhebliche Unterscheidungsmerkmale, die nicht selten zu verstärkter Erschöpfung und Anspannung führen. Diese vielen kleinen Momente, Probleme, Sorgen, Ängste werden über Jahre hinweg allein getragen und geregelt, tagtäglich. Hinzu kommt die fast durchgängig miese finanzielle Lage Alleinerziehender – das Armutsrisiko liegt bei zirka 40 Prozent. Das betrifft vor allem alleinerziehende Frauen, die überdurchschnittlich häufig und lange auf Leistungen gemäß dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (Hartz IV) angewiesen sind. Frauen verdienen nicht nur weniger, sondern sie sind auch besonders häufig in Teilzeit angestellt, Aufstiegsmöglichkeiten bestehen kaum. (ebd.)

Erstaunlich hartnäckig halten sich Sprüche, die Alleinerziehende noch immer zu hören bekommen (und dann manchmal irgendwann auch glauben). “Du brauchst endlich wieder einen Mann, dann wird alles gut.” oder “Alleinerziehend? Das kann ja nichts werden!” “Der Erzeuger ist weg? In deiner Situation willst du das Kind doch nicht austragen?” oder “So eine wie du muss doch dankbar sein, wenn sie einen Mann wie mich abbekommt!”.

Das klingt nun alles erst einmal nicht nach Politik.

Verantwortungsvolle Politik, die auch für Alleinerziehende da ist, agiert auf allen Ebenen. Sie beginnt dort, wo das Armutsrisiko gesenkt wird, gute Bildungs- und Betreuungsoptionen für Kinder geschaffen werden, komplexe Beratungsangebote gefördert werden. Alleinerziehende dürfen nicht auch noch gesellschaftlich allein gelassen werden. Auf Bundesebene bedeutet das z.B.: Die Anhebung des Bezugsalters für den Unterhaltsvorschuss von derzeit 12 auf 18 vollendete Lebensjahre sowie die Verlängerung der Dauer, die Sicherung des Umgangsmehrdarfs für alleinerziehende Beziehende von Hartz-IV-Leistungen, geeignete arbeitsrechtliche Regelungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf (und Ausbildung) sowie Wiedereinstiegsmöglichkeiten – und vor allem sollten wir weiter für eine Kindergrundsicherung kämpfen. Auf Landesebene (JedeR zweite Alleinerziehende in Sachsen erhält Hartz IV) liegen die Schwerpunkte in der Absicherung einer stabilen und bezahlbaren Kinderbetreuung. Dafür müssen wir auch konkret in Dresden sorgen – indem Kinderbetreuungseinrichtungen (und auch Schulen) für alle, aber besonders auch für Alleinerziehende gut erreichbar sind. Mit unserer Entscheidung, das Alleinerziehenden-Netzwerk zu fördern, stärken wir die Beratungs- und Dienstleistungslandschaft für die komplexen Problemlagen Alleinerziehender in unserer Stadt. Auf allen Ebenen ist die Feminismusdebatte weiterzuführen – damit irgendwann endlich Diskriminierung und dumme Sprüche Vergangenheit werden. Dazu gehört auch, Kinder aus Alleinerziehenden-Familien nicht vorn vornherein zu verurteilen. Mängel entstehen nicht (zwingend) aus der Abwesenheit des Vaters, sondern aus daraus resultierenden Begleiterscheinungen: Konflikte, Armut, Erschöpfung und Ratlosigkeit der Mutter, Stigmata der Kinder. Kurz: Spart Euch Eure Blumen! Lasst uns gemeinsam für gute Bedingungen in Alleinerziehenden-Familien sorgen!

(Dieser Beitrag erscheint u.a. in der Stadtzeitung von DieLINKE Dresden.)


Eine Fahne, mehrere Säue und die Kunst

oder: Was wäre wenn – Dresden nicht Dresden wäre

von Cornelia Eichner

Am Boden liegt das Bild einer Frau, die ein Kind stillt. Daneben stehen Kerzen. In der Ferne brüllen einige “Merkel muss weg!” Dies ist nur ein Moment unter vielen, in denen Unfassbares miteinander verknüpft ist in diesen Tagen.

Das Bild gehört zur Installation “Lampedusa 361” auf dem Dresdner Theaterplatz. Mit diesem imaginierten Friedhof wird auf über 5000 Menschen verwiesen, die grauenvoll im Mittelmeer ertranken, vor allem vor Sizilien, weil Geld und Macht mehr zählen, als Menschenleben. Ein Anblick, der schockiert, berührt, unfassbar ist.

Ebenso schockierend, weniger feinsinnig, eher brachial, sind drei Busse – als Monument des Künstlers Manaf Halbouni – in das beschauliche Dresden eingebrochen. Da fiel manchem der Bissen Eierschecke ins Scheelchen Heeßen. Die Kunstzeitung “Die Art” nennt es sehr treffend “Postkartenidylle außer Betrieb”.

Ein Mensch, dessen Meinung ich sehr schätze, selbst diplomierter und prämierter Künstler, sagte: Das Halbounische Monument ist wahrscheinlich eines der besten Kunstwerke, das  in den letzten Jahren in Dresden geschaffen wurde. Warum? Weil es einem guten Wein gleicht, der mit der Zeit reift, vollmundiger wird, komplexer.

Das Monument hat die Dresdner*innen mitten in ihr Herz getroffen. Es hat brüskiert, hat Verkrustungen aufgebrochen, Masken abgerissen. Es hat die Abgründe unserer Stadtgesellschaft aufgezeigt, die faulen Ausdünstungen verdorbenen Menschseins: Hass, Wut, Resignation und jede Menge Spucke. Aber es wurde auch Schönheit sichtbar – in der Begegnung miteinander, im Zuhören und vor allem auch im Gespräch. Endlich, endlich ein Aufschrei aus Dresden.

Nun diskutiert nicht nur Dresden darüber, was Kunst sei und was Kunst kann und darf. Die ganze Welt schaut Dresden dabei zu. Medien in New York, Niederlande, Tschechien, Portugal – und natürlich Syrien berichten – positiv.

Vermutlich wäre die ganze Aufregung viel kleiner gewesen, womöglich hätten viele Menschen sich weniger für das Monument interessiert, hätte nicht Pegida am Montag zuvor zur Raucherpause während der Eröffnung aufgerufen. Die unsäglichen Bilder von rund hundert Menschen, die völlig enthemmt pöbeln, schreien, pfeifen, gar angreifen und drohen, sind den meisten medial gegenwärtig.

Gleich nach der Eröffnung werden nacheinander mehrere Säue durch’s Dorf getrieben: Das Andenken an die Opfer der Dresdner Bombennacht würde geschändet durch “Schrott”, das sei doch keine Kunst, der Platz wäre völlig verfehlt: “Das gehört doch nicht vor die Frauenkirche, sondern vor’s Bundeskanzleramt!” Kaum ist der eine Vorwurf durchgekaut, taucht der nächste auf: Verschwendung von Steuergeldern, der Syrer solle lieber seine Heimat aufbauen.  Schließlich zanken tausende Menschen über eine Fahne: War sie auf den Bussen in Aleppo oder nicht? Zeigt sie, dass die Busse von Salafisten aufgestellt wurden, ein Sinnbild des Islamismus seien und somit der Künstler ein Terrorist und all seine Unterstützen Sympathisanten? Phantasievoll beschrieben Facebooker Dresden nun als vom Islam(ismus) okkupiert – und die Krönung: Ein Fleck von Motorenöl (?) unter einer Ecke des Monuments. Kaum ist der Zunder des einen Themas etwas erloschen, wird mit dem nächsten die Stimmung angefeuert. Waren bisher auf Katja Kippings Facebook-Seite diverse selbsternannte Politikwissenschaftler*innen zugange, sind dort Kunstverständige von eigenen Gnaden anzutreffen. Vor dem Mahnmal selbst agitieren Pegida-Jünger mit geübter Rhetorik für ihre Theorien.

Man hört diese Klagen und fragt sich: “Meinen die das ernst?” und versucht dann eigene Antworten zu finden, denn bisher waren die Fragen noch fremd, doch schon ist man in ewigen Schleifen gefangen: Nein, es gilt allen Dresdner Opfern zu gedenken, auch den 2000 ermordeten Dresdner Jüd*innen und Sinti und Roma. Ja, Kunst muss nicht schön sein, auch nicht vor der Frauenkirche. Hier, genau hier in unsere Mitte gehört dieses Monument, denn hier sind wir und tragen Verantwortung für uns und für die Menschen um uns herum und für die Politik unseres Landes. “Die Kunst ist das Gewissen der Menschheit”, sagte Friedrich Hebbel. Es wäre viel zu bequem für alle, hätte Halbouni sein Werk nur vor dem Bundeskanzleramt aufgebaut. Irritation (s. Lukács) im aktuellen Ausmaß hätte nicht stattgefunden. Sicher können sich die Leidenden in Aleppo durch die Kunstaktion in Dresden kein Essen kaufen und kein Dach über den Kopf. Aber ist denn das Anspruch von Kunst? Ist Kunst denn Mittel zum Zweck für Barmherzigkeit?

Halbouni will etwas anderes: Begegnung auf Augenhöhe. Er, dessen Mutter aus Dresden und dessen Vater aus Syrien stammen, bringt uns in unseren tiefsten Erschütterungen zusammen: Alle Menschen, egal ob in Dresden oder Aleppo oder anderswo auf der Welt leiden um den Verlust ihrer Liebsten, sehnen sich nach Schutz und Frieden. Und das sind sie, diese Busse: Aufgestellt zum Schutz von Menschenleben. Auch wenn ein Foto kursiert, auf dem eine fragwürdige Flagge zu sehen ist – es sind mehr auffindbar, auf denen keine Fahne ist, denn: Wie in allen Kriegen verändern sich die Belagerungen von Regionen. Und, wichtiger: In Dresden wurde keine Fahne gehisst.

Kunst ist ein Prozess, kein Zustand (frei nach Adorno). Wenn Kunst aufregt, weh tut, Reaktionen auslöst und man über sie und ihren Zweck intensiv und heftig diskutiert, dann hat sie ihr Ziel erreicht.

Was wäre wenn – “What if” – ist eines der großen Leitthemen im Werk von Manaf Halbouni –  Es sind die Gedankenspiele, die ihn interessieren, die in uns ablaufenden Prozesse, die er auf diese Weise anregt.

Genau diese Diskussionen sind seiner Aktionskunst implizit – genau diese Reaktionen – auf internationaler Ebene! – sind gewünscht. Herzlichen Dank an alle, die diesem großartigen Werk jene Öffentlichkeit ermöglichen, die ihm gebührt!

(Dieser Beitrag erscheint u.a. in der Stadtzeitung von DieLINKE Dresden.)


Nein, eine Welt, eine Gesellschaft wird nicht besser, wenn man meckert, motzt und Hass versprüht. Ja, es gibt viel zu tun. Auch wenn unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung ein Segen für unser Land und unser Leben ist – perfekt ist unsere Gesellschaft nicht. Nicht, so lange Menschen ausgegrenzt werden, weil sie anders aussehen oder sich anders verhalten als es der Norm entspricht. Nicht, solange alleinerziehende Mütter vor Erschöpfung weinen, weil sie nicht wissen, ob sie ihren Kindern geben können, was diese brauchen. Nicht, solange Menschen ohne Arbeit dahin vegetieren, Tiere in Massenproduktion verwurstet werden, unser Müll den Planeten zerstört, unser hiesiges Konsumverhalten Menschen in anderen Ländern das Leben kostet, Wirtschaftsinteressen im Bereich Rüstungsindustrie Kriege anderswo befördern. Aber all diese Missstände sind weder Grund noch Anlass für destruktives Gemecker oder gar Hass und Gewalt – oder wie derzeit oft zu erleben: Rassismus. Sie sollten stattdessen Anregung sein, mehr Aufmerksamkeit für einander zu entwickeln und unter Achtung demokratischer Prinzipien und humanistischer Werte positiv gestaltend aktiv zu werden.


Musik zivilisiert

Wir kommunalisieren die Musikschule!

Der Geigenvirtuose Isaac Stern sagte einmal: „Kinder, die eine musikalische Ausbildung erhalten, haben anderen gegenüber einen Vorsprung: in logischem Denken, in Mathematik, in Erinnerungsvermögen und in ihren Manieren. Musik zivilisiert. Musik macht wachsam. Wer Musik macht, lernt, nicht zu hassen. Wer Musik macht, lernt zu sehen, zuzuhören und zu denken. Und deshalb halte ich es für wichtig, ja notwendig, dass jedes Kind ab einem Alter von fünf Jahren ein Instrument erlernt.“ (Zitat Ende)

Man könnte viel mehr über die positiven Wirkungen von Musik und musikalischer Bildung erzählen. Nur durch qualifizierte musikalische Bildung wird differenzierter Zugang zur Musik ermöglicht, bleibt wichtiges Kulturgut für nachfolgende Generationen lebendig, werden zukünftige Mitglieder von Philharmonien für Großes befähigt.

Elementar ist in der musikalischen Bildung der gemeinschaftsbildende Effekt, der sich durch Auseinandersetzung mit vielfältigen Musikkulturen, mit individuellen Persönlichkeiten und verschiedenen Instrumenten ergibt. “Musik zeigt die Wichtigkeit, die Stärke und die Unverzichtbarkeit des Einzelnen – und zugleich die unverzichtbare Wichtigkeit aller anderen, gleichberechtigt agierenden Mitspielenden.” sagt Konzertveranstalter Andreas Grosse. Ähnlich äußert sich Musiker Scotty Böttcher über Jazzimprovisationen: “Es geht nicht so sehr darum, zu zeigen, was der oder die Einzelne kann. Es ist ein kollektiver Prozess, es bedeutet Leben und leben lassen. Im besten Fall wird ein Beispiel dafür geschaffen, wie eine bessere Gesellschaft funktionieren könnte.” So fördert kulturelle Bildung nicht nur Empathie, individuelle Entwicklung, Teamgeist und sachliche Fundiertheit, sondern auch komplexe Demokratieprozesse.  Erhalt und Förderung von Demokratie durch Kultur sind wesentliche Aufgaben unserer Gesellschaft, sind eher, um mit Weizsäcker zu sprechen, der Teig im, anstatt das Sahnehäubchen auf dem Kuchen.

Das Robert-Schumann-Konservatorium Zwickau (an dem ich meine musikalische Ausbildung begann) ist seit 1996 kommunaler Eigenbetrieb. Erst Recht sollte eine Stadt wie Dresden, die sich traditionell Kulturstadt nennt, die Magnet für Reisende aus aller Welt ist und die Kulturhauptstadt werden will, sich ihrer Verantwortung bewusst sein und sich ihr klar und aktiv stellen.

Wir, als Vertreter und Vertreterinnen der Politik, haben die Aufgabe, unsere Stadt zu stärken, indem wir ihre Stärken fördern, damit ihre Schwächen nicht wachsen. Und dafür ist es wichtig, dass wir heute nun endlich diesen Schritt gehen, das HSKD in einen kommunalen Eigenbetrieb zu überführen und damit die Musikschule mit ihren über 6000 Schülerinnen, die zugehörigen Eltern, Mitwirkenden, Angestellten und Honorarkräfte dauerhaft absichern.

Dazu gehört in diesem Zusammenhang natürlich auch, dass wir längerfristig über gerechte Unterrichtsgebühren verhandeln, über faire Gehälter für Angestellte und über angemessene, sich dynamisch entwickelnde Vergütungen für die Honorarkräfte.

Möglicherweise erschrecken die in diesem Zusammenhang zu benennenden Kosten. Bei genauerer Betrachtung wird aber deutlich, dass diese Mehrkosten nicht durch die Kommunalisierung erzeugt werden, sondern durch veränderte Bedingungen auftreten, ganz unabhängig von der Rechtsform der Musikschule: Es sind Tarifanpassungen der Festangestellten vorzunehmen, Mietsteigerungen auszugleichen, angemessene Honorare für Dozentinnen zu zahlen, Betriebskostensteigerungen auszugleichen. Auch bemerken wir nicht nur an wachsenden kommunalen Steuereinnahmen die zunehmende Bevölkerungszahl unserer Stadt, sondern auch an der steigenden Zahl der Lernenden am HSKD. Das alles sind Kosten, die so oder so auf den kommunalen Haushalt zukommen, egal ob wir das HSKD kommunalisieren oder aber nicht. Wenn wir diese Kosten aber eh stemmen, können wir also nur gewinnen, wenn wir kommunalisieren, indem wir uns zu unserer Musikschule bekennen – es ist das richtige Zeichen für eine Stadt, die gerade jetzt kulturelle Bildung so nötig hat.

 


Integration und Inklusion von Migrant*innen als Zukunftschance

Wie Integration gelingt

oder: Wie Du und ich dazu beitragen können, dass fremde Menschen nicht mehr fremd sind

Eine gewisse Ratlosigkeit ist derzeit bei vielen Menschen im Gesicht zu lesen, wenn man ihnen in Dresden begegnet. Furcht und Ablehnung sind manchmal darunter gemischt, je nach Veranlagung. Jemand fragte kürzlich: “Wie soll denn die Integration der Geflüchteten gelingen, wenn viele hier Geborene nicht einmal wirklich integriert sind?”

Es gibt sie, die aus der Erfahrung gezeugten und zum Teil wissenschaftlich bestätigten Modelle zur Integration fremder Menschen, auch vieler fremder Menschen. Aber viel ist natürlich relativ, es wurden in unserer Geschichte schon größere Flüchtlingszahlen erfolgreich bewältigt, wieviele Menschen die aktuelle Weltlage nun in unser Land spült, wissen wir nicht. Grundlegend ist aber immer: Diese Menschen sind nicht wirklich freiwillig hier, viel lieber wären sie in ihrer Heimat – und Hand auf’s Herz – uns würde es nicht anders gehen. Aber wie kann Integration ganz praktisch gehen? Sicher ist an erster Stelle die Politik gefragt, die groben Lösungen müssen dort gefunden werden. Aber das reicht nicht, jeder und jede hier wird gebraucht, die Gemeinschaft ist gefragt.

Zoi Athanassiadou hat sich in ihrem Buch “Bedingungen gelungener Integration” mit den Faktoren befasst, die in der Vergangenheit eine positive Integration von Menschen in eine Gesellschaft unterstützten. Integration erfolgt demnach in vier Dimensionen: Kulturation, Platzierung, Interaktion und Identifikation. Kulturation meint dabei die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen, sich in eine Gesellschaft einzugliedern – insbesondere gehören hier die Sprache und das Verstehen von Regeln dazu, aber auch die Bereitschaft, in der neuen Heimat anzukommen. Es reicht jedoch nicht, wenn Migranten und Migrantinnen die Fähigkeit haben, sich zu integrieren – sondern sie müssen auch Möglichkeit haben, buchstäblich Platz haben in einer Gesellschaft – Wohnung, Arbeit, Begegnungsmöglichkeiten; bestehende Systeme Einheimischer müssen sich öffnen, um Kommunikation und Interaktion möglich zu machen. Identifikation schließlich wird möglich, wenn Menschen sich näher kommen, wenn Lebensweisen verstehbar und nachvollziehbar werden, Normen und Regeln auf das eigene Leben anwendbar.

Zoi Athanassiadou schreibt auch, wie das konkret geschehen kann. Sie benennt dafür sechs Bedingungen, die erfüllt werden sollten: Tragfähige Familienbindungen sind wichtig, aber auch außerfamiliale Interaktionsbeziehungen: Freund*innen, Kolleg*innen, Nachbar*innen, Menschen, mit denen man gemeinsam Alltag und Freizeit gestalten kann. Dresdner und Dresdnerinnen bieten mit unermüdlichem Engagement Begegnungscafés, gemeinsame Koch-Events, interkulturelle Freizeitaktivitäten, Patenschaften an, um da beste Bedingungen zu schaffen, damit es gelingt – auch wenn sehr oft die Familien der Geflüchteten auseinandergebrochen sind. Natürlich geht nichts ohne das Erlernen der deutschen Sprache – auch hier zeigt sich, dass nicht nur die Geflüchteten selbst enorm aktiv sind, um selbsttätig die fremde Sprache zu erlernen, sondern auch in ehrenamtlichen Initiativen wie z.B. an den ABC-Tables des Umweltzentrums Dresdner Bürger*innen enormes leisten, um ein Ankommen zu erleichtern. Schon aus dem Bereich der Resilienzforschung bekannt ist die Notwendigkeit der Entwicklung eigener Ziele, wenn Leben gelingen soll – wer Ziele hat, resigniert nicht so leicht, sondern erfährt das eigene Leben sinnhaft. Wie können wir Migrant*innen helfen, Ziele zu finden? Fragen wir sie – nach ihren Träumen, nach ihren Ressourcen. Alle Geflüchteten, die ich bisher sprach, wollen unserer Gesellschaft etwas zurück geben, wollen gebraucht werden. (Wie) Nehmen wir dieses Geschenk an? Als eine weitere Bedingungen für gelungene Integration hat sich Charakterstärke des/der jeweiligen Migrant*in herausgestellt. Zu sagen: Hat man oder hat man nicht – reicht nicht, jedoch ist es zugegebenermaßen schwieriger, darauf Einfluss zu nehmen. Was wir können: Den Menschen, die hier ankommen, etwas zutrauen, sie als das annehmen, was sie sind: Menschen mit eigener Vergangenheit, mit Hoffnungen, mit Ausbildungen, mit fluchtbedingten Kompetenzen usw. Als letzte Bedingung schließlich führt Athanassiadou den Wohlfühlfaktor an – seien wir ehrlich: Da, wo wir uns wohlfühlen, wollen wir uns integrieren – da wo wir uns nicht wohlfühlen, wollen wir das gewiss nicht. Was braucht es dazu? Nicht viel: Sicherheit, Menschen, denen man vertraut, Nähe, Anerkennung und erfüllte Grundbedürfnisse.

Sicher ist die Aufgabe nicht klein, die wir zu bewältigen haben. Sicher ist bisher Integration nicht immer gelungen. Aber wir sind lernfähig. Und es ist eben, wie es ist, also machen wir doch einfach das Beste draus – das Buch Athanassiadou kann eine gute Anregung dazu sein.

( Zoi Athanassiadou: Bedingungen gelungener Integration, Bochum/Freiburg 2014)

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Wie möchten Sie alt werden?

Da stand diese Frage im Raum: „Wie möchten Sie alt werden?“

Was ist das für eine Frage, warum stellt man sie mir, bin ich nicht zu jung dafür?

Nun ja, eigentlich möchte ich gar nicht „alt“ werden. Genauer gesagt möchte ich nicht so werden, wie man sich jene vorstellt, die als „alt“ bezeichnet werden. Ich möchte ich bleiben, wie ich bin („Ich darf!“).

Ich möchte weiter so leben wie bisher, schließlich habe ich mir mein Leben so gewählt.

Wieso sollte sich das ändern, nur weil die Kerzen auf meiner Geburtstagstorte immer mehr werden (und ok, demzufolge die Geburtstagstorte immer größer werden muss, aber dagegen habe ich ja nichts).

Ich möchte weiterhin ein Sinn- und Inhalts-reiches Leben führen, möchte Zeit verbringen mit den Menschen, die mir wichtig sind. Dazu gehört für mich, dass ich nicht ausgegrenzt werde, nur weil ich weniger produktiv bin oder weniger Geld habe. Dazu gehört für mich auch, dass ich in einer Wohnung – meiner Wahl – leben kann, die mir Sicherheit gibt. Dazu gehört für mich auch, dass ich mich mittels öffentlicher Verkehrsmittel durch die Stadt bewegen kann, um ehrenamtlich oder nebenamtlich aktiv zu sein, ohne dass ich in finanzielle Nöte gerate oder mir ein Bein breche, weil die Wege zu Kultur und zu Bahn nicht barrierefrei sind. Und weil vielleicht auch einmal die Zeit kommt, in der ich nicht mehr recht hutschen kann und auch nicht mehr so schwer tragen möchte, wäre es sinnvoll, wohnortnah ansprechend all jenes zu haben, was ich zum Leben brauche: Nahrung, medizinische Versorgung, Begegnungsmöglichkeiten. Auch sollten eventuelle Zipperlein, die mich womöglich irgendwann befallen, so medizinisch behandelt werden, dass mein Leben lebenswert bleibt. Das bedeutet: Medizinische Versorgung sollte von hoher Qualität und bezahlbar sein (ja, auch die nächsten Zähne!)

Während meiner Tätigkeit als Bildungsberaterin berichtete man mir von einer größeren Zahl alter Menschen, die, da sie beruflich aussortiert und nicht mehr gebraucht wurden, ihr restliches Leben damit verbrachten, die Wände ihrer Wohnung anzusehen. Nicht mal mehr den Fernseher, nur noch die blanke Wand. Das will ich nicht. Das gönne ich keinem.

Da möchte ich lieber sein wie die alte Dame, die ich immer wieder in Gorbitz an der Haltestelle traf, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit war. Stets war sie schick gekleidet und geschminkt, stets lächelte sie mich fröhlich an und erzählte mir dann und wann: Dass sie schon 80 sei. Und sie fragte mich: Was meinen Sie, warum ich so fit bin in meinem Alter? Sie erzählte es mir sogleich: Weil sie aktiv geblieben ist, unter Leuten, schließlich geht sie mehrmals in der Woche tanzen. Meine Urgroßmutter war auch so, zu ihrem 90sten Geburtstag tanzte sie noch Polka. Meine Urgroßmutter wachte kurz nach ihrem Geburtstag einfach nicht mehr auf. Die alte Dame stand irgendwann nicht mehr an der Haltestelle.

So möchte ich alt werden.

Grundlegende Dinge müssen auf Europa- und Bundesebene geklärt werden. Einige jedoch liegen im Aufgabenbereich der Kommune. Dazu gehören bezahlbarer Wohnraum entsprechend individueller Lebenskonzepte, angemessene Infrastruktur, barrierefreie öffentliche Verkehrsmittel (und die Wege dort hin), bezahlbare Kultur und noch einiges mehr. Ehrenamtler sollten sich nicht auch noch finanziell verausgaben, weil sie Gutes tun, der Ehrenamtspass könnte dazu beitragen.

Dafür sollten wir uns stark machen, nicht erst nach Renteneintritt, sondern schon in ganz jungen Jahren: Jetzt.


Ein Gymnasium für Gorbitz!

Aufgrund schwindender Schülerzahlen wurde 2005 das Johann-Andreas-Schubert-Gymnasium geschlossen.

Als die Geburten- und damit auch wieder die SchülerInnen-Zahlen stiegen, wurde  – in logischer Folge – 2010 im Stadtrat beantragt, dieses Gymnasium zum Schuljahr 2011/2012 wieder zu eröffnen.

Vieles sprach dafür, vor allem auch die Anwohnenden und AkteurInnen in Gorbitz, denn die wollen ihr Gymnasium, unbedingt.

Doch es tat sich nichts.

Bis nun endlich, im Sommer vergangenen Jahres (2013!) beschlossen wurde, es tatsächlich zu eröffnen – jedoch nur als Zwischenlösung bis 2018. Denn dann soll der Neubau in Dresden-Plauen fertiggestellt sein, sodass dieser Stadtteil sein zweites (sic!) Gymnasium zur Nutzung erhält. Dabei läßt die Einwohnenden-Relation diesen Schluss nicht zu:

Die Zahlen der Einwohner und Einwohnerinnen von Plauen (11 034) und Gorbitz ( 19 919 ) – können kaum dafür sprechen, dass es in Gorbitz kein Gymnasium gibt, aber in Plauen eines – oder gar zwei.

Und: Gorbitz verfügt über einen überdurchschnittlichen Anteil an Kindern und Jugendlichen, also auch über einen hohen Anteil an SchülerInnen, Tendenz steigend.

Gorbitz ist hervorragend mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus allen Richtungen erreichbar, somit auch infrastrukturell hervoragend als Standort geeignet, kann das Gymnasium doch auch von Schülern und Schülerinnen angrenzender Stadtteile genutzt werden.

Darüberhinaus sieht das Integrierte Handlungskonzept Stadtentwicklung (Insek) für Gorbitz eine qualitativ und quantitativ hochwertige und ausgewogene Bildungslandschaft vor, zu der konsequenterweise auch ein Gymnasium gehört.

Gorbitzer Kinder sollten gleiche Rechte auf und Möglichkeiten zu Bildung wie Kinder in anderen Stadtteilen haben.

Dafür sprechen wir uns aus und fordern daher einen Verbleib des Gymnasiums in Gorbitz auch nach 2018.

Warum ich bei den LINKEN bin

Im Jahr 2006 bin ich der LINKEN in Dresden beigetreten, nachdem ich seit 1989 – noch in Zwickau – eher Bündnisgrün-Sympathisantin war. Inzwischen bin ich Mitglied des LINKEN-Stadtvorstandes in Dresden.

Warum? Kurz zuvor gebar ich meine zweite Tochter – und verarmte damit völlig (Details dazu lieber im persönlichen Gespräch). Das war der Auslöser für meinen Entschluss: Schimpfen reicht nicht, mitmachen ist notwendig. Nun werden meine Kinder größer, fast schon flügge, und ich kann mich tatsächlich ein wenig aktiv in die Gestaltung unserer Gesellschaft einbringen.

Meine Schwerpunkte sehe ich dabei in den Bereichen Soziales, Bildung und Kultur. Meine wesentlichster Gedankenansatz ist dabei: Menschen brauchen Chancen, tatsächliche, immer wieder.

* Tatsächliche Bildungsgerechtigkeit. Da ich selbst Abitur und Magisterstudium „nebenbei“ machen musste, also neben meiner Berufstätigkeit (man muss ja von irgendetwas leben!), widme ich dieser Themenstellung ein besonderes Augenmerk: Bildungsgerechtigkeit darf kein leeres Wort bleiben, sie muss tatsächlich und praktisch möglich sein. Dazu gehört eine sehr gute Durchlässigkeit des Bildungssystems – vom Kindergarten bis zum Universitätsstudium und zur Nutzung von Chancen auf dem zweiten Bildungsweg. Dazu gehören aber unbedingt auch stützende/flankierende Bedingungen, um intelligenten Menschen Angst-bedingte Hemmschwellen vor höherer Bildung zu nehmen. Bürokratische Hürden dürfen keine Relevanz mehr haben, evtl. Defizite in der Bildungsbiografie müssen unkompliziert behoben werden können. (Motivation vorausgesetzt, natürlich) Ich selbst bin Arbeiterkind (Mutter: Schweißerin, Vater: Schlosser), da wird einem der fortgesetzte Bildungsweg bis hin zur Uni nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Doch die Herkunft sagt nichts über die Intelligenz aus, daher ist es manchmal notwendig, die organisatorischen Bedingungen im Umfeld günstig zu gestalten.

* Alleinerziehende nicht allein lassen. Mit meinen beiden Kindern bin ich „seit eh und je“ allein erziehend. Daher sehe ich, welche Aufgaben allein erziehende Eltern zu bewältigen haben – die manchmal kaum zu bewältigen sind. Gemeinsam mit anderen Alleinerziehenden suche ich nach Unterstützungsmöglichkeiten.

* Gute und sichere Kinderbetreuung. Berufstätige Eltern brauchen die absolute Gewissheit, dass ihre Kinder in den Einrichtungen gut versorgt sind. Dazu gehört auch die Sicherheit auf Schulwegen respektive auf den Schul-Hort-Wegen. Kinder auf diesen Wegen allein zu lassen ist absolut inakzeptabel.

* Kultur ist lebensnotwendig. In meinen „wilden Jahren“ in den 1990ern  (also vor der Geburt meiner Kinder) leitete ich eine Kinder-Jugendkunstgruppe in Zwickau, „Initiativgruppe Versuche“ genannt. Ganz im Sinne Lukacs‘ zeigte sich dabei: Kunst ist Mittel zur Selbstbehauptung, zur Selbstbefreiung. Mit Hilfe von Kunst und Kultur erhalten Menschen jeglicher Herkunft ein Medium in die Hand (oder in den Kopf, in den Bauch, … ), welches ihnen hilft, sich selbst auszudrücken, sich selbst Gehör zu verschaffen. Dabei darf als Kunst und Kultur nicht nur die eher bürgerliche Hochkultur gesehen werden, denn Neues, wunder.bares, Erkenntnis förderndes kann nur entstehen, wenn man kreatives Querdenken zulässt – oder sogar fördert. Auch daher engagiere ich mich in aktiver Kulturarbeit (Schreibwerkstatt Gorbitz u.a.) und für eine Vernetzung der Kulturschaffenden Linken in Dresden.

* Kindertageseinrichtungen benötigen höchste Qualität. Denn hier werden unserere nachfolgenden Generationen geprägt, jene, die unsere Gesellschaft einmal gestalten sollen. Qualität ist daher notwendig in der pädagogischen Arbeit selbst, jedoch auch in den Arbeitsbedingungen der Erziehenden.

* Eltern als ErziehungspartnerInnen stärken. Eltern sind und bleiben die Profis in Bezug auf ihr Kind, d.h. niemand kennt ein Kind besser als seine Eltern. Dementsprechend ist es wichtig, Eltern in ihrer Kompetenz anzuerkennen und Elternrechte zu stärken.

* Armut darf nicht zur Ausgrenzung führen. Ja, Armut ist relativ. Ja, Geringverdienende sind oft sauer auf Hartz-IVler (und anders herum auch!). Aber diese Denkweise lenkt ab und bringt nicht weiter. Wichtiger: Es gibt nicht genügend Erwerbsarbeitsplätze in Deutschland. Viele der Erwerbsarbeitsplätze reichen nicht, eine Familie zu ernähren. Es muss sich im Großen etwas ändern – durch Automatisierungs- und Technologisierungsprozesse erreichte Gewinne von Unternehmen müssen gerecht verteilt werden, dürfen nicht in einzelne Privattaschen fließen (Marx läßt grüßen). Auf kommunaler Ebene müssen Lebensbedingungen so gestaltet werden, dass man auch als Mensch mit geringem Einkommen ein lebenswertes Leben führen kann. Denn nur dann kann man genug Kraft und Mut entwickeln, den Mund aufzumachen, sich zu wehren, für eigene Belange  und für Gerechtigkeit zu kämpfen.

* Kinderarmut darf nicht notwendig zu Bildungsarmut und misslingenden Lebensläufen führen. Nur weil ein Kind sich kein warmes Schulessen oder keine Nachhilfe leisten kann, darf daraus kein Bildungsnachteil entstehn.

* Ökologisches Bewusstsein und Handeln ist eine Grundbedingung. Sicher, innerhalb linker Politik ist Ökologie nicht unbedingt das größte Thema, da stehen soziale Belange im Mittelpunkt. Doch sie gehört schlichtweg dazu. Übrigens: Wenn man sich die einzelnen LINKEN PolitikerInnen mal näher betrachtet, lebt jedeR einzelne nach ökologischen Grundwerten. Ganz selbstverständlich. (Und nein, nicht nur, weil sie es sich leisten können. Umweltbewusstsein/umweltbewusstes Handeln hat nicht in erster Linie etwas mit praller Geldbörse zu tun.)

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… Warum ich um die Gunst Ihrer/Eurer Stimme werbe …

Seit 1992 bin ich Staatlich anerkannte Erzieherin und habe neben meiner Berufstätigkeit erst mein Abitur, dann mein Magisterstudium der Erziehungswissenschaft, Literatur und Philosophie nachgeholt.  Gearbeitet habe ich hauptsächlich als Sozial- und Kulturarbeiterin, ich baute – in Zwickau – seit der Wende diverse soziale und kulturelle Projekte mit auf, u.a. in Leitungsfunktion Schulsozialarbeit und das Versuche-Projekt, in dem junge Menschen, oftmals mit schwierigem Lebenshintergrund, gemeinsam Kunst, also Literatur, Musik, Malerei und usw  betrieben.

In den letzten Jahren war ich als Bildungsberaterin aktiv.  Dabei kam ich in den Einrichtungen oder auch auf der Straße mit zahlreichen Menschen ins Gespräch, die mir von elementaren Bedürfnissen und großen Wünschen berichteten, von gebrochenen Lebenswegen, verlorenen Hoffnungen, auch massiven Fehltritten, von fehlenden Bildungsabschlüssen, unzureichenden Möglichkeiten der Bildungsfinanzierung, von der Angst um die eigene Existenz oder um die ihre Kinder.

Da war zum Beispiel die junge Mutter, in deren eigenem gewalttätigen Elternhaus der Alkohol wichtiger war als jegliche Bildung, die aber Träume hatte für sich und vor allem aber auch für ihre kleine Tochter. Da war auch Klaus, ein Mann um die 50 mit solider Handwerksausbildung, der erst seine Arbeit verlor, dann sich selbst an den Alkohol und der schließlich irgendwann mit großen Kinderaugen vor mir stand und fragte, ob das denn nun alles war, was man Leben nennt, ob er nun zu alt sei, unbrauchbar, um noch einmal Glück zu erfahren.

Durch diese Tätigkeit als mobile Bildungsberaterin lernte ich ganz Dresden, vor allem aber Gorbitz intensiv kennen.

Seit einem halben Jahr nun bin ich an einer Fachschule für Sozialwesen angestellt und bilde Erzieher und Erzieherinnen im Lernfeld 6 aus, in dem es darum geht, wie man Kinder und Jugendlcihe in schwierigen Lebenssituationen begleitet und unterstützt.  Eine spannende Aufgabe, vor allem auch, weil unsere zirka 150 Schüler und Schülerinnen alle erwachsen sind, manche auch älter als ich, und ihre ganz eigenen Geschichten und Erfahrungen mitbringen. Spannend auch daher, weil wir in unserer gemeinsamen Unterrichtsarbeit den Grundstein legen für eine qualitativ möglichst hochwertige Erziehungstätigkeit in den jeweiligen Kinder- und Jugendeinrichtungen. Dabei geht es nicht nur um die pädagogische Arbeit an sich, sondern auch um mögliche Notlagen von Kindern, um Erziehergesundheit und damit zusammenhängend um Arbeitsbedingungen der Angestellten in den Kitas (und den zugehörigen Subunternehmen) und um vernünftige Betreuungsschlüssel.

Nebenher schreibe ich: Lyrik, Prosa, Sachtext; 8 Bücher und zahlreiche Artikel konnte ich bisher in verschiedenen Verlagen veröffentlichen. Und ich leite in Gorbitz eine Schreibwerkstatt, in der sich in angenehmer Athmosphäre Menschen über ihre eigenen Texte austauschen.

Seit einem dreiviertel Jahr versuche ich gemeinsam mit Magnus Hecht die Kulturschaffenden Linken zusammenzubringen, sodass wir uns kennenlernen, voneinander lernen und uns gegenseitig unterstützen können.  Wichtig ist mir dabei immer, Kunst nicht als Selbstzweck zu verstehen, sondern, ganz im Sinne von Adorno oder Lukacs, als wesentliches Kommunikations- und Ausdrucksmittel des Menschen, als Medium zur Selbstbestimmung und Selbstbehauptung.

Die wesentliche Frage ist nun: Warum stehe ich, trotz meiner Unsicherheit und Aufregung, hier vor Euch? Weil ich es als logisch-konsequent empfinde, meine bisher eher kultur- und sozialpädagogischen sowie gesellschaftlichen Aktivitäten nun um kommunalpolitische Aufgaben und Möglichkeiten sinnvoll zu erweitern, ihnen damit auch ein stabileres Fundament zu geben. Weil ich Menschen, die keinen so guten Start ins Leben hatten oder die aus welchen Gründen auch immer einen Neustart benötigen nachhaltig unterstützen möchte.  Weil ich auf Bedingungen einwirken möchte, die Leben sinnvoll und lebenswert machen, mich stark machen möchte gegen Gentrifizierungsprozesse. So kann es nicht wahr sein, dass in einem Stadtteil nur halb so viele Kinder eine Gymnasialempfehlung  erhalten wie in der restlichen Stadt, nur weil dieser Stadtteil zufällig den Namen Gorbitz trägt – noch dazu ohne, dass sich darüber jemand wundert. Ganz im Gegenteil, man spricht diesen Kindern auch noch ein Gymnasium ab, weil sie es ja nicht brauchen. Aber gerade sie brauchen dort in Gorbitz einen Gymnasialstandort – als Chance und als Zeichen anstelle von Resignation. Und sie benötigen natürlich flankierende Angebote im sozialen und kulturellen Bereich, nur dann bleibt Bildungsgerechtigkeit keine leere Phrase. Aber es gibt noch viel mehr Aufgaben, zu deren Lösung ich beitragen möchte, damit unsere Stadt zauberhaft bleibt: Die Schul- und Hortwege unserer Kinder müssen sicher sein, allein Erziehende benötigen Entlastungsmöglichkeiten, die Bildungsberatung muss zwingend erhalten bleiben, damit Bildungsmöglichkeiten auch genutzt werden können, von Armut betroffene Menschen brauchen ganz praktische Unterstützungsleistungen, die ihnen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen; Kinderbetreuung muss sicher und qualitativ hochwertig sein – ohne die Gesundheit der Erziehenden zu gefährden; Menschen sollen in Dresden ihr Recht auf Integration und Teilhabe auch tatsächlich leben können, unabhängig von Gesundheitszustand, Alter, Sozialstatus oder finanziellen Möglichkeiten.

Ich möchte für Menschen da sein, denen die eigene Stimme zu schwach erscheint, die sich nicht trauen lautstark bestehende Misstände auszusprechen.

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