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Das Puppenkleid

Elenia schenkt dem kleinen Mädchen neben sich am Tisch noch einen Kakao ein. Das Mädchen lächelt nicht, spricht nicht, trinkt schweigend, hält eine nackte Puppe fest. Am Kakao wärmt es sich die Hände. Mit kleinen Schlucken trinkt sie ihn, nach jedem Schluck schaut sie auf, lässt ihren Blick kurz zur alten Frau huschen. Kaum ist die Tasse leer, springt sie auf und saust zu den anderen Kindern – spielen.

Elenia atmet auf, die kurze Begegnung mit dem Kind hat sie sehr berührt. Eigentlich ist sie nur hergekommen, um einige Dinge abzugeben, hier im Kleinen Haus, wo sich Flüchtlinge und Einheimische treffen. Ein paar Kleidungsstücke und Spielsachen, die sie nicht mehr brauchte, ihre Kinder waren groß, die Enkelkinder hatten genug, wozu sollte das auf dem Dachboden liegen, besser wurde es nicht davon.

Eine Frau setzt sich nun zu ihr, schaut sie mit großen, dunklen, tiefen Augen an, legt ihr sanft die Hand auf den Arm. “Danke!”, sagt sie, dann schweigt sie wieder, senkt den Blick. Als sie ihn wieder auf Elenia richtet, ist er trüb. “My daughter, meine Tochter” beginnt sie zögerlich, “Her father shot in Syria. Haus in Aleppo ist destroyed, Schule auch, Bomben. Her aunt missing in Turkey. The dress of her doll lost in Hungary. It’s her first smile since two month”. Die Mutter hat nun keine Worte mehr. Elenia schenkt auch ihr eine Tasse Kakao ein. Sie sitzen beieinander und trinken, jede in ihren eigenen Gedanken. Was soll man auch sagen, denkt die alte Frau. Kein Wort fällt ihr ein, aber Bilder tauchen in ihrem Inneren auf, Schnappschüsse in sepia, fast ein dreiviertel Jahrhundert alt: Feuer: überall, stürzende Wände, Gestank, Hitze, Staub, Schreie, entsetzliche Schreie, dann alles wie taub. Ein lebloser Körper, eine Puppe. Ein rennender alter Mann, zahnlos lacht er und zeigt auf seinen Stern auf der Brust. Und sie erinnert sich: “Wir alle waren uns einig, dass so etwas nie wieder geschehen darf, dass kein Kind so etwas mehr erleben soll.” Und nun, nun steht dieses Mädchen vor ihr – und hat die gleichen Bilder im Kopf?

“Frau! Frau!” Jemand rüttelt an Elenias Schultern. “Nicht weinen, Frau, hier ist alles gut!”

Eine zarte kleine Hand wischt Elenia eine Träne aus dem Gesicht. Die Bilder verschwinden im Kopf der alten Frau, ein Lächeln drängt sich hinein, eine Freude, eine Sehnsucht. “Warte!” sagt sie viel zu laut, hebt den Zeigefinger, greift dann nach den beiden Taschen unter dem Tisch. “Hier sind einige Dinge für Euch!” Der Frau schiebt sie eine warme Jacke zu, dem Mädchen ein paar himmelblaue Schuhe. Aber sie kramt weiter, sucht etwas. Ein kleiner Jubelschrei springt aus ihrer Kehle, dann hält sie dem Mädchen ihr Fundstück entgegen: Ein seidenweißes Puppenkleid. Das Mädchen reicht ihr die Puppe, wie in Zeitlupe, still. Elenias Hände zittern, als sie das Kleid über den kleinen Körper zieht. “Wie heißt deine Puppe?”, fragt Elenia. “Amal”, sagt das Mädchen, “Hoffnung”, die Mutter. “Und wie heißt du?”, fragt die alte Frau. “Elenya”, sagt die Mutter, “leuchtender Stern”, sagt das Mädchen.

(Cornelia Eichner, DD 1’16)

 

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Kleine und große Affen

Da war ein kleiner dummer Affe,
der wollte kein Affe unter Affen
mehr sein und brach aus dem Zoo aus.

Er rannte mitten hinein in die Großstadt,
fuhr mit der S-Bahn,
aß Falaffel,
durchwühlte die Bibliotheken,
behing sich mit viel Tant,
setzte sich schließlich auf eine Bank
und raetselte ueber die vielen grossen Affen
um ihn herum, von denen einer mehr lachte als
der andere und jeder eine andere Wahrheit
wie eine Kaugummikugel an die Wand spuckte.
Nur darin waren sie einig:
Die kleinen Affen sind selbst Schuld,
dass sie klein sind und dumm.

Der kleine Affe gruebelte und bohrte in der Nase.
Schliesslich hatte er eine Idee.
Aus einigen Aesten baute er sich Stelzen,
schnallte sie sich an und stellte sich auf den Markt.
Als sich eine Menschenmenge um ihn
gesammelt hatte, schrie er:
„Hier seht her – Ihr kleinen dummen Affen.
Ich bin der groesste und damit euer Fuehrer!“
Er erhielt viel Applaus.

(Cornelia Eichner: oder irre ich, Dresden, 2014)

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In die Bahn, aus der Bahn

II

Das erste Herz leuchtete ihr aus himmlisch blauen und kugelrunden Augen entgegen. Diese blauen Augen hatte sie schon einmal befragt, damals, als Julias Bauch sich das erste Mal wölbte. Sie gehörten zu Anja, der schlanken Frau mit den ganz langen blonden Haaren, deren neunjähriger Sohn immer so still mit geschlossenen Augen an deren Seite stand. „Wissen Sie“, sagte Anja vertrauensvoll zu Julia, weil sie kannten sich ja nun schon so lange und hatten schon so oft beieinander in der Bahn gestanden, das verbindet. „Wissen Sie“, begann sie also, „ich bin ja hier aufgewachsen, in der Platte, meine ich, die damals ganz nobel war und ganz neu und mit fließend Wasser und mit Heizung einfach aufdrehen. In den Kindergarten bin ich hier gegangen und gleich drei Häuser weiter später in die Schule. Zehn Jahre lang, ja, so war das damals, alle Kinder, zehn Jahre lang, die gleiche Schule. Dann habe ich im Konsum bei uns um die Ecke gelernt und auch gearbeitet, meinen Mann dort kennen gelernt an der Fleischtheke, im Standesamt wenige Straßen weiter geheiratet. Mein Sohn kam im gleichen Krankenhauszimmer wie ich zur Welt, nur der Anstrich war ein anderer, ich meine, der der Wand. Und irgendwann haben wir uns im gleichen Standesamt eben wieder scheiden lassen. Aber gerade als ich dachte: Hier wirst du nun also alt, Anja, und irgendwann begraben sie dich auf dem Friedhof am Rande der Platte – da purzelt doch die Welt aus ihren Angeln. Bedroht werde ich – von dem, der sich mein Liebhaber nannte. Wohnen, das kann man doch hier nicht mehr, bei all dem Dreck und jeden Tag steht die Polizei vor der Tür, weil sich wieder welche gegenseitig abgestochen haben.“
I

Fahrkartenkontrolleurin war sie schon ihr ganzes Leben lang gewesen. Ihr Leben, das war die Zeit, bevor sie dreißig wurde und die DDR endgültig begraben worden war, also sagen wir so um das Jahr 1992. Dann hatte sie sich das Etikett „Spätgebärende“ aufkleben lassen, Kinder bekommen, erst eines, drei Jahre später das nächste und dann noch eines, wieder nach drei Jahren. Aber dreimal drei ist neun und neun ist keine Glückszahl, zumindest nicht in einer Rechnung, in der es um die Finanzierung des Unterhalts einer kleinen Familie geht. Neun ist keine Zahl, die sich restlos teilen lässt, so wenig, wie sie selbst, die wir hier Julia nennen wollen, sich teilen konnte. Und so war sie zuerst ihre Arbeitsstelle los, dann ihren Mann. Hieß es erst noch, sie müsse schon etwas flexibler sein in der Arbeitszeitgestaltung, wenn sie ihren Job halten wollte, war man später sehr daran interessiert, doch auch den Jüngeren mal eine Chance auf berufliche Entwicklung zu geben. Sie, Julia, hatte ja ihre Chance schon gehabt. Und ihr Mann, was ist mit dem, wo ist der abgeblieben? Nun ja, er beschwerte sich erst bei ihr, weil sie ja nun keine Zeit mehr hatte für ihn, immer nur noch für die Kinder. Dann besann er sich auf‘s Rauchen, bald aufs nächtliche Zigarettenholen, schließlich auf viele Zigaretten danach bei der anderen Frau, bei jener, deren Kinder schon groß waren und somit keine Divisoren mehr in der Aufmerksamkeit der Frau. Zwar ging Julias Gleichung nun nicht mehr auf, aber doch ließ sie sich nicht beirren. Sie blieb einfach sitzen in ihrer Bahn, auch wenn sie keinen Lohn mehr dafür bekam, die Freifahrt durchs Leben blieb ihr noch eine Weile erhalten, ihr und ihren drei Kindern in jeweils drei Jahren. Das eine brachte sie zur Schule, das andere in den Kindergarten, das dritte trug sie im Tuch mit sich herum. Und noch immer kontrollierte sie stichprobenartig, das konnte ihr keiner nehmen, jedoch nicht mehr Fahrkarten, sondern nun Herzen.


wein trinken mit eva s.

auf dem balkon mit eva s.:
worte, schonungslos, rotwein
wäre gut, doch der weg
ist müd‘ und die beine sind
kalt. und die vögel, die singen,
wie die katzen unter dem balkon
& spannen ihre flügel als
segel zwischen duftblütenäste,
lassen den baum sich bäumen
in windiger gier:
balzen müsste man können
& flügel spannen und singen
& konservieren all das für
die zeit da der wein gefriert
auf dem balkon, eva ihr buch
schliesst und mich leis‘ umarmt.


obdachlos

ob

das dach

das du dir gabst

das los ist

welches du

suchtest

?

(veröffentlicht in: Nachthaut, Geest-Verlag, Vechta 2002)

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~~~

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Roulette

,,Halt an!’’
,,Halt doch endlich an, Mensch!’’
Unverschämt hart werde ich aus meinen Träumen gerissen.
,,Na halt doch endlich an, Mensch’’, murmle ich mit schwebenden Augenlidern dem Croupier zu. Die Kugel springt noch einmal, zweimal, dann hält sie endgültig inne auf rouge 10.
Ich habe dieses Spiel gewonnen. Es ist Zeit auszusteigen. In dieses, mein neues Leben einzusteigen. Seinsgeworfenheit.

Es hat mich in den wilden Osten geworfen, in die famose Stadt der Künste, Elbflorenz, Sächsische Landeshauptstadt, Dresden. In den wilden Osten, 10 Jahre nach Stunde Null.

Ich sehe die Frau, an deren Hand ein Kind hopst. Der knöchellange rote Rock streicht ihr um die Beine wie der warme Wind. Sie gehen über die Augustusbrücke von der Neu- in die Altstadt. Die Frau bindet das Kind mit ihren beiden Armen, die an ihr herabhängen. Sie selbst ist ganz in ihren Lungen, die den Himmel atmen und die Wolken ausspucken. Sie selbst ist ganz in ihrem Mund, der staunt und daher offen steht. Sie ist in ihren Augen, die sie aufreißt, so weit sie kann, um das Panorama zu erfassen: Semperoper, König Johann, Schlosskirche, Schloss, Brühlsche Terrasse. Sie ist in ihren Ohren, die das Rauschen der Nacht filtern, die sich gerade wieder senkt. Möwen sind da. Hier? Hier! Sie weben mit dem Licht der spangrünen Laternen ein feines Tuch zwischen Elbe und Kathedrale. Das legt die Frau dunkel und warm um sich und ihr Kind. Näht noch ein paar blinkende Perlen hinein, Glühwürmchenaugen. Dann geht sie weiter mit einer Lust im Herzen.

Wenig später wird dieses Bild mit dem anderen übereinander gefächert.
Das zweite: Die gleiche Frau, das gleiche Kind, hopsend, an ihrer Seite, doch der Mund der Frau verkniffen, die Augen auch groß, aber vor Schrecken und vor Müdigkeitstiefe. Der Rock, knielang und grau, bedeckt schlecht die rutschenden Strümpfe.

Zwischen beiden Bildern, sorgsam zurechtgelegt: 60 Jahre. Ein paar Flecken noch. Regen? Wein? Tränen? Blut? Beide Bilder wird die Frau gleich rahmen, sehen Sie nur. Rahmend sind die Dreharbeiten zu dem Film, der heißt wie die Stadt. Die Frau trägt die gerahmten Fotos in das Haus, das an einem Platz in dieser Stadt ist, die wie der Film heißt, in dem sie mitspielt. Sie hängt die Bilder an die Wand: Mögen sie Staub sammeln. Je mehr Staub umso mehr Leben.
Die Frau singt dem Kind ein Schlaflied, dann legt sie sich selbst ins Bett. Gerade, auf den Rücken, die Augen nach oben, die Haare ausgebreitet. Kurz nur.
Dann knallen Schreie an ihr Trommelfell. Das Kind schläft, die Frau sitzt rechtwinklig. Gleich steht sie kerzengerade auf dem Balkon. Das ist ihr Film nicht, nicht mehr. Das ist der Film der anderen. Der Film der asiatischen Frau vom Imbiss gegenüber. Die schreit, als sie die Männer an die Wand drängen. Unsere Frau ist gelähmt wie der Schrei, den ihr Mund tonlos formt. Als das grün-weiße Auto ankommt, legt sie sich selbst wieder ins Bett. Gerade, auf den Rücken, die Augen nach oben, die Haare ausgebreitet. Schlafen. Den Film der anderen ausblenden. Kurz nur.
Hat sie geschlafen? Geträumt? Nicht? Ein Lied, eine wunderbare Stimme, flirtet mit ihren Ohrläppchen. Lässt die feinen Härchen dort miteinander tanzen. Unter dem Schlafzimmerfenster singt ein Mann. Fabelhaft! Wenn er nur halb so gut aussieht, wie er singt!. Zu solch’ einer Stimme kann nur ein schöner Mensch gehören. Die Frau möchte tanzen. Das Kind schläft, die Frau sitzt rechtwinklig. Viele singen hier, unter diesem Fenster, viele, ohne Stimme, im Bierrausch: ,,Deutschland, Deutschland“ singen sie… Hauptsache: Deutschland! Dieser Mann hier tippelt leichtherzig über mehrere Oktaven und improvisiert damit einen Song der Extraklasse. Die Frau steht auf, will ihn sehen. Sie bereut es. Das ist nicht ihr Film. Aber sie faltet ein altes Stofftaschentuch auf und legt das Lied tropfenweise hinein. Dann faltet sie das Taschentuch wieder zusammen und legt es in das Fach mit ihrer Wäsche, ganz hinten. Seufzen muss sie jetzt, denkt sie, aber verkneift es sich. Dann legt sie sich wieder hin, gerade, auf den Rücken…. Und schläft bis zum nächsten Morgen.
Da schläft die Frau und das Kind sitzt rechtwinklig. ,,Komm schon’’, sagt es und zeigt aus dem Haus. Der Kaffee und die Cornflakes passen gemeinsam auf ein Tablett, also in eine Hand. An die andere Hand nimmt die Frau das hopsende Kind. Bis in den Garten, hinterm Haus, nicht auf dem Platz. Hier ist nicht Dresden, hier ist zu Hause. Hier kennt das Kind seinen Weg wie die Frau. Mit beiden Händen gräbt das Kind im Sand. Mit beiden Händen gräbt die Frau in der Erde. Beide überlegen, wonach das riecht, in dem sie graben. Das Kind wirft Spinnen zur Seite, die Frau legt Regenwürmer an den Rand. Was entsteht? Das ist nicht so wichtig. Dass sich was bewegt, ist das was zählt. Dass die Haut etwas zum Riechen hat, ist das was zählt. Dass etwas formbar ist, ist das was zählt. Dass der Kaffee kalt wird, ist das was zählt. Dass die Cornflakes die Katze frisst, ist das was zählt. Kind und Frau flechten nun gemeinsam einen Kranz. Den tragen sie nach oben und hängen ihn an den Balkon. Dort sitzen sie und atmen sich Sonnenstrahlen ins Gesicht. Natura sanat.
Nun endlich wird die Frau den Film zerschneiden, die Schnipsel zurechtlegen und aneinander kleben. Stück für Stück. Nach eigener Choreographie. In der Schlusssequenz die Roulette-Szene. Dort wirft die Frau eine Kugel ins Spiel. Sie landet.
Ich reiche der Frau die Hand.

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Interview mit Alfred BÜNGEN, dem Leiter des Geest-Verlages

vier-w-journal:
Immer mehr Medien drängen auf den Informations- und Unterhaltungsmarkt und bannen die Konsumenten. Herr Büngen, wie sehen sie die Zukunft von dem Medium Buch?

Verleger Büngen:
Die Zukunft des Mediums Buch sehe ich durch die neu auf den Markt drängenden sogenannten neuen Medien nicht gefährdet, da sie die dem Buch innewohnenden Elemente nicht ersetzen können. Die Gefährdung des Buches erfolgt nicht durch andere Medien vielmehr durch eine gesellschaftliche Wandlung. Ich möchte es so umreißen: Für das kritische, sich mit gesellschaftlichen Erscheinungen auseinandersetzende Buch bedarf es auch einer kritischen Autoren- und Leserschaft, die sich nicht über das Buch, vielmehr über gesellschaftliche Prozesse ausbildet. Findet ein solcher Prozess gesellschaftlich nicht mehr statt, dann verliert natürlich auch das Buch an Bedeutung. Nur unterhalten können Medien wie Fernsehen etc. sicherlich besser, da eine Koppelung verschiedener Sinnesansprüche (wenn auch nur zu häufig auf sehr oberflächliche Weise) erfolgt. Oder anders ausgedrückt, eine reine Spaßgesellschaft bedarf keines Buches mehr sondern anderer Medien, die sich gewinnintensiver vermarkten lassen. Um es an einem Beispiel deutlich zu machen. Die inhaltlich nichtssagenden Biographien von Prominenten, die auf dem Markt erscheinen, dienen ja letztlich schon nicht mehr als Buch, sind vielmehr ausschließlich Werbemittel für andere Zwecke (Steigerung von Zeitungsauflagen, Verkauf von Musik CDs, Werbemittel für Filme etc.). Die großen Verlage sind ja auch schon lange keine reinen Verlage mehr, bilden vielmehr Unterhaltungskonzerne, denen es letztlich gleichgültig sein dürfte, mit welchem Medium sie ihr Geld verdienen. Es geht im Buchsektor nicht mehr um das Buch vielmehr ausschließlich um rein ökonomische Ziele.
Das Buch – so sollte man die Diskussion auch in den entsprechenden Einrichtungen führen – gefährdet sich nicht durch andere Medien sondern durch einen Wandlungsprozess in der Gesellschaft, der allerdings mit Besorgnis zu beobachten ist. Ob das Buch in seiner ursprünglichen Bedeutung dabei eine Position behalten wird, scheint mir eine kritisch zu stellende Frage zu sein, die ich nicht eindeutig bejahen würde. Auf jeden Fall wird das Buch in seiner kritischen Bedeutung sicherlich kaum noch in diesem sich heute so gestalteten Buchmarkt existieren, denn es wird den Verwertungsbedingungen eines Kapitals nicht entsprechen. Es lohnt sich gelegentlich, historische Wandlungsprozesse anzuschauen und die Bedeutung des Buches dabei zu beobachten. Die zu Beginn des bürgerlichen Zeitalters sich ausprägenden Verlage mit ihren Formen und Inhalten der Buchproduktion sind verschwunden. Da kann man nicht so tun als ob das Buch in seiner traditionellen Erscheinung noch erhalten geblieben ist.

vier-w-journal:
Internetliteratur ist auf dem Vorwege, Zeitungen und Magazine können im Netz gelesen werden und bereits auch immer mehr Literatur. Wie binden sie diese Veränderungen in die Zukunft des Verlagswesens ein?

Verleger Büngen:
Die Behauptung, dass Internetliteratur auf dem Vormarsch ist, steht immer wieder im Raum. Ich habe da meine tatsächlichen Zweifel. Zum einen steht nach wie vor aus, was eigentlich Internetliteratur ist. Dadurch, dass Bücher am PC gelesen werden können, haben wir sicherlich noch keine Internetliteratur definiert. Produktion und Konsum von Literatur am PC und im Internet unterliegt anderen Bedingungen, schaffen andere Möglichkeiten, die aller anfänglicher Versuche zum Trotz nicht oder nur unzureichend genutzt werden. Dabei bleibt auch die Frage zu diskutieren, ob die beiden Formen der Literatur überhaupt noch vergleichbar sind.
Der alte Traum des Internets von einer rechts- und wirtschaftsfreien Ebene der Produktion dürfte schon längst ausgeträumt sein. Auch Internetliteratur, vielleicht gerade Internetliteratur, unterliegt Marktbedingungen, unterliegt ökonomischen Prinzipien. Die wegzudiskutieren heißt auch, die Einflüsse dieser ökonomischen Prinzipien auf Inhalt und Form nicht nur Kenntnis zu nehmen. Internetliteratur wird von hohen Besucherfrequenzen leben, sich dementsprechend ausrichten. Eine Unterhaltungsgesellschaft will unterhalten werden, will Spaß haben, will und muss konsumieren. Dementsprechend werden die Angebote angenommen und ausgerichtet werden.
Dass die Schnelligkeit und rasche Vergänglichkeit des Internets diesem Charakter unser Gesellschaft entgegenkommt, wage ich nicht zu bezweifeln. Dies steht auf einen ersten Blick gegenüber der notwendigen Längerfristigkeit und Tiefe einer Buchproduktion in einem Gegensatz. Bei mir verstärkt sich immer mehr der Eindruck, dass die literarische Produktion und Diskussion durch das Internet nicht gerade an Tiefe gewonnen hat. Vieles was im Netz geschrieben und veröffentlich wird lag früher in Schubladen und hatte dort auch seinen berechtigten Platz. Nicht alles, was geschrieben wird, muss das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Das führt zu Unüberschaubarkeiten, lockt ein unübersehbares Heer von Zuschussverlagen in allen Schattierungen auf den Markt.
Das ist nicht verhinderbar. Die Breite des Angebotes darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Lesen und Schreiben trotz des Mediums Internet gesellschaftlich nicht an Bedeutung gewonnen hat, eher sind gegenteilige Bewegungen zu beobachten. Lesungen und literarische Arbeit in den Schulklassen führt zu zum Teil erschreckenden Erkenntnissen. Zum Teil ist nicht einmal eine Lesefähigkeit vorhanden, die selbst die Lektüre kürzester Texte möglich macht. Und meine Erfahrungen gerade mit Jugendlichen macht mich nachdenklich. Schüler, die je in ihrem Leben ein Buch gelesen haben, werden zur Minderheit. Und das Internet hat hier keinen adäquaten Ersatz geschaffen, der angenommen wird.
Und die Frage, ob wir als Verlag uns den Internets bedienen. Ja, das versuchen wir, durch eine höhere Informationsabgabe, durch Literaturkalender, Autorenvorstellungen und news etc. Doch die eigentliche literarische Arbeit auf das Internet auszurichten erscheint mir zur Zeit unmöglich. Die meisten unserer sicherlich wichtigsten, auch jungen Autoren besitzen noch nicht einmal einen PC oder wenn, dann als reines Schreibwerkzeug. Allerdings werden wir auch zukünftig den Bereich der Information verstärken. So ist unter anderem geplant zu bestimmten Büchern Arbeitsmaterialien für Bücher anzubieten etc.
Das alles hat aber noch nicht den Charakter von Internetliteratur. Hier bedürfte es wesentlich intensiverer Auseinandersetzungen, die jedoch unsere personellen Möglichkeiten bei weitem übersteigen würden.

vier-w-journal:
Halten Sie das Internet und die Literatur für eine glückliche Verknüpfung oder anders, war es für die Literatur von Vorteil, dass sich das Internet so rasend ausgebreitet hat. Ich denke, da besonders an Literaturforen, Literaturgruppen, Hörbucher und an e-books im Netz?

Verleger Büngen:
Insgesamt halte ich es eigentlich eher für einen Nachteil. Zwei wesentliche Argumente möchte ich dazu anführen. Die Popularisierung im Internet funktioniert im gewissen Sinne relativ rasch, ohne dass eine inhaltliche Diskussion stattfindet. Ich habe es selbst einmal unter einen Pseudonym ausprobiert. Innerhalb von zwei Wochen war ich in insgesamt mehr als 30 Internetseiten vertreten, ohne dass sich auch nur ein einziger mit dem eingeschickten Beitrag auseinandergesetzt hat. So etwas führt zu Selbsttäuschungen über Bedeutungen. Die Flut von eingereichten Manuskripten enthält immer mehr zahllose Internetveröffentlichungen als Beweis literarischer Tätigkeit. Gelegentlich habe ich das Gefühl, dass Autoren ein Internet-Literaturleben führen, ohne den Schritt in die reale Öffentlichkeit zu gehen.
Diskussion in Foren etc. können meines Erachtens niemals die reale Literaturdiskussion ersetzen, die Auseinandersetzung in der Literaturgruppe etc. Zwar ist eine überregionale Öffentlichkeit herstellbar, doch wer ersetzt die regionale Gesprächsrunde, das regionale Gespräch über Literatur. Nicht jeder Autor wird eine überregionale Bedeutung haben, deswegen kann er dennoch ein guter Autor sein, der interessante und tiefe Erzählungen oder Gedichte schreibt.
Klar ist jedenfalls, dass eine Verlagerung ins Internet eine lebendige Literaturlandschaft und -diskussion vor Ort zumindest gefährdet. Damit aber tit sich kein Autor einen Gefallen, denn die Entfernung vom Leser wird größer, denn ich liege wohl nicht falsch in der Feststellung, dass in der Literaturdiskussion im Internet die Schreiber weitgehend unter sich bleiben. Unter Umständen führt so die auf den ersten Blick angestrebte Erweiterung des Literarischen auf Dauer zu einer immer größeren Isolierung. Die Kunst alleine unter sich und für sich hat selten hervorragende Ergebnisse gebracht. Hörbücher sind eine besondere Kategorie, auf die ich noch später eingehen werde. Doch e-books werden sich kaum durchsetzen, jedenfalls nicht für eine größere Öffentlichkeit. Das Internet in Deutschland ist und bleibt kein Leseforum. Ob e-books für Autoren eine Möglichkeit der Veröffentlichung sind? Sie sind es sicherlich. Allerdings fragt man sich, wo die alte Sondierungs- und Lektorierungsfunktion von Verlagen dann bleibt, ob nicht eine unübersehbare Fülle entsteht, die wir ja jetzt schon auf dem Buchsektor durch Zuschussproduktionen haben.

vier-w-journal:
Werden „unverlangt eingesandte Manuskripte“ überhaupt gelesen? Wie gehen Verlage vor, um neue, vielversprechende Autoren zu erkennen / zu finden?

Verleger Büngen:
Wir versuchen im Verlag, jedes eingehende Manuskript zu lesen, was angesichts einer Manuskriptflut sehr schwierig ist, zumal wir personell natürlich viel zu dünn besetzt sind. Zum teil ist es einfach aber auch nicht mehr leistbar. Wir lesen daher zum Beispiel nur noch komplette Manuskripte.
In einem ersten Schritt werden alle eingehenden Manuskripte quergelesen:
Lesehaltungen dabei: Welcher Inhalt, welche Grundaussage, sprachlich-literarisches Können.
Übersteht ein Manuskript die Prüfung kommt es auf einen Wartestapel, was leider unumgänglich ist, wenn ein Manuskript wirklich gelesen werden so

Wie Verlage vorgehen, um junge Autoren zu finden, die eine Perspektive haben.
Ich denke, alle Verlage beobachten sehr genau das Literaturgeschehen. Und Autoren fallen natürlich auf, wenn
sie in ‚guten‘ Literaturzeitschriften, in ‚Anthologie‘ und bei Wettbewerben vertreten sind. Ich betone dabei
das Wort ‚gut‘. Nicht jede Veröffentlichung ist eine Auszeichnung. Ich denke, man kann
davon ausgehen, dass die, die vom Literaturmakt ein wenig Ahnung haben, wissen,
wie Anthologie zusammenkommen, was Zuschussverlage sind etc.

Zusammengefasst: Die kontinuierliche Arbeit an einem Image zahlt sich irgendwann aus. Das verlangt auch vom Autoren einen langen Atem. Nicht vorschnell Manuskripte herausschicken oder Veröffentlichungen anstreben, nur damit das Buch da ist. Viele Autoren, die eigentlich durchaus das Zeug zu einem guten Autoren hatten haben mit der ‚falschen‘ Veröffentlichung ihre ‚Karriere‘ nicht unbedingt gefördert.

vier-w-journal:
Was ist das Besondere am Geest-Verlag?
Was bieten Sie Interessierten mit Ihrer Online-Präsenz (www.geest-verlag.de)?

Verleger Büngen:
Ich würde nicht betonen, das wir etwas besonders machen. Wir versuchen im Geest-Verlag vielmehr zwei wesentlichen Dinge.
a) Wir versuchen engagierte Literatur zu machen, das heißt Literatur, die aus dem Engagement von Menschen im alltäglichen Leben entsteht, Literatur, die in die gesellschaftlichen Entwicklungen eingreift. Literatur nur um der Literatur wegen wird bei uns wenig Chancen haben. Die Grundlage des Engagements ist dabei sehr unterschiedlich, sie kann politisch, philosophisch, christlich, humanistisch motiviert sein, soll aber hinführen zu einer Gesellschaft, in der das Individuum als sozial handelnder Mensch handeln kann und darf.
b) Der inhaltlichen Ausrichtung entspricht, dass wir versuchen in der Produktion als auch in der Distribution und Rezeption andere Wege zu gehen, um die inhaltliche Verbindung von Autor und Leser überhaupt wieder herzustellen und dem Buch seinen Warencharakter zu nehmen.

Die Online-Präsenz soll über Autoren, Projekte und Literatur informieren, möglichst weit über das Verlagsgeschehen hinaus. Wir wollen Möglichkeiten und Wege aufzeigen, wollen dem Autoren und Leser auch eine Literaturtradition vermitteln, wollen den Autoren Möglichkeiten der Veröffentlichungen aufzeigen. Mehr können wir aber leider nicht leisten. Denn wir müssen auch in diesem Bereich weitgehend auf die Mitarbeit aller Autoren setzen, die Informationen weiterleiten, veröffentlichen etc. Doch ich glaube, die tägliche Besucherzahl, die um den 1000ender Bereich liegt zeigt an, dass das Angebot wahrgenommen wird, das weit über den engen Kreis der Autoren- und Leserschaft des Verlages hinaus.

Medeia (alias Cornelia Eichner) erstellt 27.09.2004

Interview mit Alfred Büngen vom Geest-Verlag zur Zukunft des Buches:

http://www.gruppe-4-w.de/forum/viewtopic.php?f=32&t=150&p=158&hilit=Medeia#p158

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Interview mit Peter GEHRISCH, verantwortl. Redakteur von OST

Beitragvon junipa » 26. Feb 2009, 15:26

Medeia (Cornelia Eichner) führte ein Gespräch mit P. Gehrisch, dem verantwortl. Redakteur von
OSTRAGEHEGE – Zeitschrift für Literatur und Kunst

Vier-w-journal: Sie betreiben eine Literaturzeitung, die zwar etabliert, aber noch nicht in aller Munde ist. Seit wann gibt es die Zeitschrift, wie viele Menschen arbeiten daran mit, wo liegt der Schwerpunkt der Themen, welche Pläne gibt es für die Zukunft?

P. Gehrisch: wird seit 1994 vom Herausgeber LITERARISCHE ARENA e.V. und einem die Arbeit des Herausgebers kritisch begleitenden Beirat sorgfältig ediert. Die Zeitschrift wird gegenwärtig von drei Redakteuren, einem Bildredakteur, einer Web-Masterin und einem Redaktionsassistenten produziert.
OSTRAGEHEGE ist der Name eines im Dresdner Stadtbild gelegenen weitläufigen Wiesengeländes, welches dem Romantiker Caspar David Friedrich als Sujet für sein berühmtes Gemälde „Das Große Gehege bei Dresden“ gedient hat. Die Sprachwurzel OSTROV – „stromumflossenes Eiland“ – erschien uns schlechthin auch als Metapher, die die Situation einer traditionellen, bodenständigen Literatur im „Umfluß / Einfluß“ benachbarter Literaturen und Traditionen bezeichnet. In Sachsen – Raum auch der sorbischen Literaturtradition und territorial an zwei weitere slawische Sprachräume grenzend – wird der „Umfluß / Einfluß“ osteuropäischer Literaturtraditionen sicherlich sensitiver wahrgenommen als in anderen Regionen Deutschlands. In der Programmatik von OSTRAGEHEGE hat deshalb die Begegnung mit osteuropäischen Kulturen einen besonderen Stellenwert. Daß OSTRAGEHEGE das literarische Leben auch außerhalb ostdeutscher und osteuropäischer Provenienz spiegelt, versteht sich von selbst.
In jeder Ausgabe von OSTRAGEHEGE sind Beiträge zur Bildenden Kunst, in nahezu jeder zweiten Ausgabe Beiträge zur Zeitgenössischen Musik enthalten. Pro Heft wird jeweils ein bildender Künstler in Beispielen seines Werkes näher vorgestellt. Als zeitgenössische Komponisten wurden u. a. Sofia Gubaidulina, Karl-Heinz Stockhausen und George Crumb mit Schwerpunktbeiträgen gewürdigt.
Die Initiativen des Herausgebers LITERARISCHE ARENA e.V. beinhalten darüber hinaus Kooperationen mit literarischen Vereinen auf nationaler und internationaler Ebene – zuletzt: Organisation des deutsch-polnischen Autorentreffens ORPHEUS, welches in einer Sonderpublikation von OSTRAGEHEGE dokumentiert worden ist.
Als Sonderpublikationen von OSTRAGEHEGE sind außerdem die Anthologien „Das Land Ulro nach Schließung der Zimtläden“ und „Heimkehr in die Fremde“ erschienen.
OSTRAGEHEGE entsteht zwar in Sachsen, spiegelt jedoch die literarischen Entwicklungen im gesamten deutschsprachigen Raum, was die Standard-Rubriken „Junge deutschsprachige Lyrik“ und „Interview“ belegen mögen, in welchen regelmäßig auch Autoren aus Österreich, der Schweiz und Südtirol zu Wort kommen.

vier-w-journal: Welche Schwierigkeiten gibt es für Literaturzeitungen heute?

P. Gehrisch: Neben dem notwendigen – die Qualität sichernden – Wettbewerb, den die Literaturzeitschriften untereinander zu führen haben, gibt es den Wettbewerb, den die Literaturzeitschriften gegen den unübersichtlichen Blätterwald der zumeist von Werbung getragenen Massenmedien führen müssen. Im ersten Wettbewerb reift eine Literaturzeitschrift, im zweiten geht sie zwangsläufig unter, wenn sie nicht hohe Werbeumsätze und hohe Auflagen anpeilt. Die Zeitschrift „Literaturen“ hat diesen Weg gewählt. Wir wünschen diesbezüglich viel Erfolg, können den restlichen 500 Literaturzeitschriften im deutschen Sprachraum jedoch kaum eine Nachahmung empfehlen, da in dieser Nische allenfalls für ein oder zwei belebende Konkurrenzunternehmen Raum sein sollte.
Die Schwierigkeit besteht demzufolge darin, daß eine Zeitschrift mit dem Anspruch und der Qualität von OSTRAGEHEGE nur über eine Anbindung an einen Verlag oder einen öffentlichen Träger oder über Druckkostenzuschüsse existieren kann. Der Erhalt dieser Zuschüsse ist mit jährlich wiederkehrenden Mühen und Unsicherheiten verbunden.

vier-w-journal: Immer mehr Medien drängen auf den Informations- und Unterhaltungsmarkt und bannen die Konsumenten. Wie sehen Sie die Zukunft der Literatur? Internetliteratur ist auf dem Vorwege, Zeitungen und Magazine können im Netz gelesen werden und bereits auch immer mehr Literatur. Wie binden Sie diese Veränderungen in die Zukunft der Literaturzeitung ein?

P. Gehrisch: Ich denke, daß sich eine werbefreie Zeitschrift, die sich konsequent an der Veröffentlichung von anspruchsvoller Literatur orientiert, auf dem Zeitschriftenmarkt wird behaupten können. Letztlich ist sie auch ein das ästhetische Empfinden der Lesers ansprechendes Produkt. Die elektronischen Medien vermitteln auf andere Weise Literatur und stellen insofern keine Konkurrenz dar. Sie dienen der schnelleren Information. Wenn ich Besinnlichkeit anstrebe, wenn ich Entspannung suche, dann ziehe ich mich doch lieber mit einem Buch oder einer gut gemachten Zeitschrift in eine ruhige Ecke zurück.

vier-w-journal: Halten Sie das Internet und die Literatur für eine glückliche Verknüpfung oder anders, war es für die Literatur von Vorteil, dass sich das Internet so rasend ausgebreitet hat? Wir denken da besonders an Literaturforen, Literaturgruppen, Hörbucher und an e-books im Netz?

P. Gehrisch: Das Internet ist eine Revolution. Die Liaison dieser revolutionären Muse mit der Literatur ist eine Tatsache. Heute noch über die Welt vor der Revolution zu spekulieren, hat wenig Sinn. Das Internet bietet viele neue Möglichkeiten des Diskurses. Die Verbreitung von Literatur ist bis in den letzten Winkel dieser Erde möglich geworden. Wer Hörbücher entspannender findet, dem seien sie gegönnt. Was das e-book anbetrifft, so sind dies interessante neue Entwicklungen, die schnell zur Meisterschaft gelangen werden und für den, der das mag, gute Möglichkeiten der Unterhaltung und Information bieten.

vier-w-journal: Werden „unverlangt eingesandte Manuskripte“ überhaupt gelesen? Wie gehen Sie vor, um neue, vielversprechende Autoren zu erkennen / zu finden?

P. Gehrisch: Bei OSTRAGEHEGE werden grundsätzlich alle eingesandten Manuskripte gelesen und in der Redaktion ausgewertet. Leider bleibt aufgrund der Vielzahl der eingesandten Manuskripte nicht die Zeit, allen Autoren zu antworten. Wir bitten aber trotzdem vor allem junge Autoren, uns unermüdlich weiter mit Manuskripten zuzuschütten. Wir sind Redakteure mit Herz und Seele und immer auf der Suche nach neuen guten Texten. Wir werden ständig fündig und freuen uns, neue Autoren präsentieren zu können. Das „Literarische Debüt“ ist eine feste Rubrik von OSTRAGEHEGE.
Mit Autoren, deren Manuskripte zur Veröffentlichung kommen können, wird natürlich ein intensiver Schriftverkehr – inklusive Austausch von Korrekturfahnen – begonnen. Selbstverständlich werden auch Honorare gezahlt.

vier-w-journal: Was bedeutet es, einen vielversprechenden Text zu lektorieren, für die Veröffentlichung vorzubereiten?

P. Gehrisch: Für die Redakteure ist die Begegnung mit einem vielversprechenden neuen Text bzw. neuen Autor sozusagen das hohe Ziel. Wenn sich so etwas ereignet, macht uns das alle glücklich. Natürlich versuchen wir, den Autor so schnell als möglich in diesen Glücksstrom hineinzuziehen. Die mit Sorgfalt betriebene gemeinsame Arbeit am Text steigert dieses Glücksgefühl bis zum Abdruck des Textes. Das ist schwer zu ertragen. Davon leben wir.

vier-w-journal: Gesellschaft und Literatur – wie beeinflussen sich diese beiden Bereiche heute noch?

P. Gehrisch: Daß die Literatur gewissermaßen ein Produkt der gesellschaftlichen Umstände des Autors ist, läßt sich schwer leugnen. Umgekehrt betrachtet, hat gute Literatur, zu der Propagandaliteratur natürlich nicht zu zählen ist, noch nie oder höchst selten Einfluß auf die gesellschaftlichen Entwicklungen genommen. Manch einer mag das bedauern, wir nicht. Allerdings sind gute Bücher – etwa Tolstois „Krieg und Frieden“, Döblins „Berlin Alexanderplatz“ oder Joyce‘ „Ullysses“ – historisch betrachtet oft der tauglichste Spiegel ihrer Zeit.

vier-w-journal: Was bieten Sie Interessierten mit Ihrer Online-Präsenz? Wieso ist es für Sie wichtig, online zu sein?

P. Gehrisch: Da OSTRAGEHEGE unmöglich überall sein kann, bietet die Internetpräsentation eine sehr gute Möglichkeit über neueste Inhalte zu informieren. Außerdem besteht die Möglichkeit, über das Internet in die Gunst unseres unglaublich günstigen Jahres-Abonnements von 13,50 Euro zu gelangen bzw. Texte an OSTRAGEHEGE zu senden.

vier-w-journal: Was können Sie Autorinnen und Autoren mit auf den Weg geben?

P. Gehrisch: Immer weiter schreiben und nicht verzagen. Und immer weiter Manuskripte an OSTRAGEHEGE senden. Das Glück ist unausweichlich.

Wir bedanken uns herzlichst für Ihre Informationen Herr Gehrisch!

http://www.gruppe-4-w.de/forum/viewtopic.php?f=32&t=114&p=122&hilit=Medeia#p122