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8. März – Internationaler Frauentag:

                   – Spart Euch Eure Blumen!

von Cornelia Eichner

Ich sage vorweg: Alleinerziehende Väter kommen in diesem Text zu kurz. Alleinerziehende Väter haben ebenso wie alleinerziehende Mütter Problemlagen, die sie an den Rand ihrer Kräfte führen. Hier und jetzt möchte ich jedoch für alleinerziehende Mütter sprechen, da Schwerpunkt dieser Ausgabe der Frauentag ist (und die Benachteiligung von Frauen auf jene, die alleinerziehend sind, mindestens genauso zutreffen) – und ja, auch, weil die Anzahl der Väter unter den Alleinerziehenden nachwievor geringer ist. “Inzwischen leben mehr als 1,6 Millionen Einelternfamilien in Deutschland. Davon sind etwa 90 Prozent der Alleinerziehenden Mütter und nur etwa 10 Prozent der Alleinerziehenden Väter.” (Deutscher Bundestag, Drucksache 18/6651)

Am Tag, an dem die Idee für diesen Artikel entstand, war ich mit vier alleinerziehenden Frauen im Gespräch: Der einen hatte man gerade das Konto gepfändet, der anderen den Strom abgestellt, die dritte wusste nicht, wie sie die Fahrt zu ihrem Arzttermin in die Nachbarstadt mit ihrem Kind organisieren und finanzieren sollte, die vierte rätselte, wie sie den Schulanfang ihres jüngsten Kindes stemmen kann. Alle vier waren ratlos und verzweifelt – und gingen doch gleich darauf wieder zur Tagesordnung über: Kinder und Haushalt versorgen sowie durch ihre Berufstätigkeit die Familie finanzieren. Alleinerziehende sind fast ständig im Einsatz. Dadurch werden sie signifikant häufiger krank (rki, 2003) Hier zeigt sich die Komplexität der Problemlagen Alleinerziehender: Immer sind Finanzen ein großes Thema, immer sind die Problemlagen multidimensional, immer sind komplexe Geschichten und Familienzusammenhänge involviert. Einfaches Problem-Lösungsverhalten funktioniert nicht.

Sicher, allein erziehend sein hat kräftige Vorteile, theoretisch: Man ist als Elternteil frei in seinen Entscheidungen und braucht nicht ewig über Erziehungsansichten zu diskutieren. Man wählt selbst aus, in welche Schule das Kind geht und wo man den gemeinsamen Urlaub verbringt, abends hat man die alleinige Macht über die Fernbedienung und braucht sich nicht mehr mit den Bedarfen des Partners/der Partnerin beschäftigen. Ganz entscheidend auch: Man hat den (fast vollen) Überblick über das Familien-Geld, die Kontrolle darüber, wofür wieviel ausgegeben wird – auch, weil es immer zu wenig ist. Aber dazu ist man/frau eben auch “verdammt”. Wesentlich ist, dass man allein ist mit allen großen und kleinen Sorgen – vor allem auch mit den Ängsten. Sicher, es gibt Beratungsstellen für jedeN und alles. Sicher haben die meisten Alleinerziehenden (zumindest am Anfang und auch in späten Tagen ihrer Elternschaft) Freunde und Freundinnen, die ihnen beistehen, manchmal auch neue Partner*innen. Doch diese sind in tausenden Momenten des Alltags nicht da – wenn kurz vor dem Wochenende das Geld alle ist, wenn das Kind morgens in die Schule gebracht werden muss oder nicht nach Hause kommt, wenn es einen Unfall im Kindergarten hat, man selbst aber arbeiten muss, um den kleinen Job nicht zu verlieren. Manchmal sagt dazu die/der (verheiratete) Kolleg*in: Ja, ja, das kenne ich auch. Mag sein, dass die eine oder andere dies kennt, wenn der/die Partner*in beruflich stark eingespannt oder viel unterwegs ist. Nicht selten nimmt sie dann aber auch ihr iPhone und klingelt schnell mal durch, ob er noch ein Brot nach der Arbeit mitbringen kann, weil sie es nicht schafft oder kein Geld mehr einstecken hat. – Hier sind Dauerhaftigkeit und Kontinuität von Aufgaben und Belastungen erhebliche Unterscheidungsmerkmale, die nicht selten zu verstärkter Erschöpfung und Anspannung führen. Diese vielen kleinen Momente, Probleme, Sorgen, Ängste werden über Jahre hinweg allein getragen und geregelt, tagtäglich. Hinzu kommt die fast durchgängig miese finanzielle Lage Alleinerziehender – das Armutsrisiko liegt bei zirka 40 Prozent. Das betrifft vor allem alleinerziehende Frauen, die überdurchschnittlich häufig und lange auf Leistungen gemäß dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (Hartz IV) angewiesen sind. Frauen verdienen nicht nur weniger, sondern sie sind auch besonders häufig in Teilzeit angestellt, Aufstiegsmöglichkeiten bestehen kaum. (ebd.)

Erstaunlich hartnäckig halten sich Sprüche, die Alleinerziehende noch immer zu hören bekommen (und dann manchmal irgendwann auch glauben). “Du brauchst endlich wieder einen Mann, dann wird alles gut.” oder “Alleinerziehend? Das kann ja nichts werden!” “Der Erzeuger ist weg? In deiner Situation willst du das Kind doch nicht austragen?” oder “So eine wie du muss doch dankbar sein, wenn sie einen Mann wie mich abbekommt!”.

Das klingt nun alles erst einmal nicht nach Politik.

Verantwortungsvolle Politik, die auch für Alleinerziehende da ist, agiert auf allen Ebenen. Sie beginnt dort, wo das Armutsrisiko gesenkt wird, gute Bildungs- und Betreuungsoptionen für Kinder geschaffen werden, komplexe Beratungsangebote gefördert werden. Alleinerziehende dürfen nicht auch noch gesellschaftlich allein gelassen werden. Auf Bundesebene bedeutet das z.B.: Die Anhebung des Bezugsalters für den Unterhaltsvorschuss von derzeit 12 auf 18 vollendete Lebensjahre sowie die Verlängerung der Dauer, die Sicherung des Umgangsmehrdarfs für alleinerziehende Beziehende von Hartz-IV-Leistungen, geeignete arbeitsrechtliche Regelungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf (und Ausbildung) sowie Wiedereinstiegsmöglichkeiten – und vor allem sollten wir weiter für eine Kindergrundsicherung kämpfen. Auf Landesebene (JedeR zweite Alleinerziehende in Sachsen erhält Hartz IV) liegen die Schwerpunkte in der Absicherung einer stabilen und bezahlbaren Kinderbetreuung. Dafür müssen wir auch konkret in Dresden sorgen – indem Kinderbetreuungseinrichtungen (und auch Schulen) für alle, aber besonders auch für Alleinerziehende gut erreichbar sind. Mit unserer Entscheidung, das Alleinerziehenden-Netzwerk zu fördern, stärken wir die Beratungs- und Dienstleistungslandschaft für die komplexen Problemlagen Alleinerziehender in unserer Stadt. Auf allen Ebenen ist die Feminismusdebatte weiterzuführen – damit irgendwann endlich Diskriminierung und dumme Sprüche Vergangenheit werden. Dazu gehört auch, Kinder aus Alleinerziehenden-Familien nicht vorn vornherein zu verurteilen. Mängel entstehen nicht (zwingend) aus der Abwesenheit des Vaters, sondern aus daraus resultierenden Begleiterscheinungen: Konflikte, Armut, Erschöpfung und Ratlosigkeit der Mutter, Stigmata der Kinder. Kurz: Spart Euch Eure Blumen! Lasst uns gemeinsam für gute Bedingungen in Alleinerziehenden-Familien sorgen!

(Dieser Beitrag erscheint u.a. in der Stadtzeitung von DieLINKE Dresden.)